Kolloidwissenschaftler Raphael Liesegang

Raphael Eduard Liesegang wurde als Sohn des späteren Fabrikbesitzers Paul Eduard Liesegang (1838 – 1896) geboren. Der Vater hatte in Jena Physik studiert, wobei er Ernst Abbe (1840 – 1905) kennenlernte. So kam er in den näheren Kontakt mit der Optik und mit dem Bau von Projektionsapparaten begann.

Nach dem Studium stieg er in das von seinem Vater Wilhelm Eduard Liesegang 1854 gegründete photograpische Atelier ein. Der Großvater von Raphael Liesegang vergrößerte sein Atelier und stellte außerdem Fotokameras her und lieferte dazu das selbsthergestellte Albuminpapier.

Nach dem Tode des Großvaters wurde das Geschäft 1871 vergrößert und nach Düsseldorf verlegt. Somit kam Raphael mit zwei Jahren mit seinen vier Geschwistern nach Düsseldorf und wurde hier 1876 eingeschult.

Häufig schwänzte er die Schule und machte seine Hausaufgaben nicht. Ab der dritten Klasse bekam er Nachhilfeunterricht in Mathematik, aber das Verständnis für Zahlen besserte sich nicht. Auf dem Gymnasium, in der Sexta, hatte er große Schwierigkeiten mit dem Schreiben, ein Gedicht auswendig lernen war ihm unmöglich, obwohl er den Sinn behielt, aber nicht die Form. Außerdem konnte er Lesen und Sprechen, aber nicht Vorlesen. Wiederum hatte er ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Er blieb in der Sexta sitzen und wurde von der Schule genommen. Nach einem Jahr Privatunterricht wechselte er auf das Realgymnasium, welches er von 1881 bis 1887 mit mäßigem Erfolg und zwischenzeitlichem Sitzenbleiben, mit dem „Einjährigen” dem heutigen Realschulabschluss, verließ.

Die Familie verbrachte ihren Urlaub gerne in Holland. Hier erwarb Raphael Liesegang eine in niederländisch geschriebene Grammatik der Malayischen Sprache, welche er unter der Schulbank, während des Unterichts ins Deutsche übersetze. Diese Grammatik wurde im eigenen Verlag seines Vaters publiziert, der ab 1860 die Zeitschrift Photographisches Archiv herausgab.

Dies war das erste der vielen Bücher und Veröffentlichungen Liesegangs, die er während seines Lebens schrieb. Während dieser Zeit war es Liesegangs Wunsch, Maler zu werden. Sein Vater richtete ihm in der Dachkammer ein Atelier ein. Sonntags bekam er Unterricht von einem Maler. Hier hatte er Ruhe vor seinen Brüdern und seiner Schwester. Der Vater wollte von dem Beruf des Malers nichts wissen, und so wurde dieser Wunsch langsam aufgegeben.

In Grönenbach im Allgäu belegte Raphael einen Kurs über Photografie und photomechanische Verfahren und wechselte danach für ein Jahr zu Carl Remigius Fresenius (1818 – 1897) nach Wiesbaden, wo er einen Kurs über analytische Chemie belegte. 1888 ging er zum Chemiestudium nach Freiburg, wobei er aber praktisch keine Vorlesungen besuchte. Interessanter fand er das Kaffeehausleben, wo er die Bekanntschaften mit Schauspielerinnen und Schauspielern machte. In den Semesterferien schrieb er wissenschaftliche Arbeiten und Bücher. So u. a. 1888 über Lichtempfindliche organische Silbersalze im Photographischen Archiv und 1891 das Buch Beiträge zum Problem des elektrischen Fernsehens.

Ohne Abschluss, da er ja keine Vorlesungen besuchte und Prüfungen ablegte, begann er 1892 in der photografischen Fabrik seines Vaters zu arbeiten. Hier entwickelte er 1892 das erste matte Zelloidinpapier und den Hydrochinonentwickler Aristogen. Liesegang arbeitete an vielen Problemen der Photografie, es erschienen darüber viele Arbeiten. 1896 berichtete er über periodische Fällungserscheinungen in Gelen, die später von Wilhelm Ostwald (1853 – 1932) Liesegangsche Ringe genannt wurden.

Als der Vater 1896 starb, übernahmen Raphael Liesegang und zwei seiner Brüder die Fabrik. Dabei stellte er als erstes die Handpräparation des Zelloidinpapieres auf Maschinenpräparation um, welches sein Vater vorher immer ablehnte. Als die Farbenfabriken Friedrich Bayer & Co. in Leverkusen Interesse an der Photopapier- und Entwicklerabteilung zeigte, verkaufte er diesen Teil der Firma 1907, dem später ältesten Teil der Agfa. Die optische Abteilung wurde von seinen Brüdern in Düsseldorf weitergeführt, während Raphael aus der Firma ausschied.

1908 ging er nach Frankfurt an das Senckenberg Museum, wo er unter L. Edinger am Neurologischen Institut durch Silberimprägnationen an Gehirngeweben (Golgi-Methode) die feinen Verästelungen der Neuronen sichtbar machte. Im Ersten Weltkrieg leitete er die Narkotikaabteilung des Sanitätsdepots in Frankfurt. Danach arbeitete er vorübergehend in einer Papierfabrik. 1921 wurde R. E. Liesegang Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main und 1937 ebenda Leiter des Instituts für Kolloidforschung. 1944 wurde das Institut nach Bad Homburg verlegt.

Raphael Liesegang hatte bis zum 12. November 1947 gearbeitet. Er war erkältet und verlor in der Nacht das Bewußtsein. Er verstarb am 13. November gegen 18 Uhr an einem Lungeninfarkt. Er war ein wahrlich aussergewöhnlicher Mensch. Heute würde man ihn als “workoholiker” bezeichnen. Er schrieb seine über 500 Publikationen z. T. unter verschiedenen Pseudonymen. Die Vielseitigkeit seiner Themen ist beachtlich. Mir ist kein Kolloidwissenschaftler bekannt, der so vielseitig gearbeitet hat. Er schrieb außerdem 14 Dramen und war Herausgeber und Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften, so schrieb er z. B. für die Kolloid-Zeitschrift über 13 000 Referate. Zudem war er Herausgeber einer wissenschaftlichen Buchreihe von über 50 Bänden im Theodor Steinkopff Verlag, Dresden.

Familie:

Aus seinen beiden Ehen stammen die Töchter Edith Maria Victoria Mara Liesegang (1896-1948) ebenfalls Schriftstellerin und Ewa Martha Carola Hildeganrd (1909-1952) eine bemerkenswerte, hilfsbereite, kluge und tapfere Frau, die sich während der Kriegszeit nicht nur rührend um ihren Vater kümmerte, sondern auch vielen verfolgten Juden Hilfe bot. Ewa Liesegang verstarb nach einem Autounfall. An einem unbeschrankten Bahnübergang wurde ihr Wagen von einem Zug erfasst.

Eine Biographie über diesen großen Kolloidwissenschaftler zu schreiben ist sehr schwierig, da R. E. Liesegang persönlich sehr zurückhaltend lebte und privat sehr wenig über ihn bekannt ist. Die bisherigen Forschungsergebnisse recherchiert und liebevoll zusammengestellt von Klaus Beneke (Uni Kiel),  unter Mitwirkung von Margit Rambow, Helmut Fleckenstein, Marianne Krohnen und anderen als Gesamtbiografie können hier nachgelesen werden.

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