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Berlin 23. September 1920: Brutaler Raubmord in der Linienstraße

Haftbiografien

Lebensumstände und Schicksale von den eigenen Vorfahren sind spannend und zum Teil recht bewegend, dass sie auch schockierend sein können, stelle ich gerade bei meinen Recherchen in Brandenburg und Berlin fest. Bei der Suche nach Familienmitgliedern die aus dem Harz stammen könnten bin ich auf einen spektakulären Mordfall gestoßen! Aber lest selbst…

Ein Mörderbrief aus der Fremdenlegion

An ein Kapitalverbrechen in Berlin erinnert ein Brief, den jetzt Kriminalkommissar Trettin von einem Fremdenlegionär erhalten hat. In dem Schreiben heißt es:

Zunächst einen schönen Gruß. Bin wohl geborgen, ich bin nämlich in der Fremdenlegion. Ich bin mir ja jetzt sicher, da kann ich ja ruhig schreiben. Es ist ja schade, dass ich aus dem schönen Deutschland weglaufen musste, aber ich musste eben, denn auf Mord gibt es allerhand Knast. Ich habe zunächst meinen Namen gewechselt und marschiere in der Legion. Damit Sie mich nicht mehr zu suchen brauchen, schreibe ich meine Adesse. „Hier kriegt ihr mich doch nicht“. Ich habe mich auf fünf Jahre verpflichtet. Schade um die hohe Belohnung, die ihr für mich ausgesetzt habt. Ich bin nun schon verschiedene Monate hier. Gefällt mir tadellos, besser wie in Sonnenburg. Totschlagen wollte ich eigentlich nicht, aber helf er sich. Es war eben passiert. Die Belohnung geht jetzt flöten. Die besten Grüße Ihr P. Lunow.

Der Briefschreiber ist höchstwahrscheinlich der 24jährige, aus Berlin gebürtige Stellmacher Walter Liesegang, der wegen des am 23.9.1920 in der Linienstraße 73 an dem 79 Jahre alten Rechtskonsulenten und Geldverleiher Engelmann verübten Raubmordes als Haupttäter von der Kriminalpolizei gesucht wird. In Untersuchungshaft befinden sich wegen dieses Verbrechens eine Händlerin Frau Schulz und ein Ehepaar Haufe. Es besteht die Vermutung, dass Liesegang auch bei dem Doppelraubmord an der Zimmervermieterin Rühle und dem Geldbriefträger Weber in der Spandauer Straße seine Hand im Spiel gehabt hat. (Berliner Tageblatt 11.5.1921) Walter Liesegang wurde aus Afrika über Marseille nach Berlin gebracht und in das Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert. Alle Zeitungsartikel hier als PDF

Was danach geschah..

Hans Georg Garde und Walter Liesegang waren am 21. November 1929 von ihrem ehemaligen Mithäftling Heinrich Wichert aus der geschlossenen Abteilung der „Irrenanstalt“ Berlin-Buch befreit worden. Alle drei hatten langjährige Haftbiographien hinter sich. Garde, 1895 geboren, war als Soldat im 1. Weltkrieg mehrfach verletzt und schließlich verschüttet worden. Am Ende des Krieges wurde er im Soldatenrat aktiv uund seit 1921 Mitglied der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) Er wurde wegen diverser revolutionärer Aktionen verfolgt und beging in der Illegalität verschiedene Diebstähle. Wegen der Beteiligung an „revolutionären Expropriationen“ verurteile man ihn 1921 zu sieben Jahren Haft. Drei Jahre später floh er, wurde erneut gefasst und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach der Befreiungsaktion flüchtete Garde zusammen mit Walter Liesegang und Wichert nach Westfalen, wo er sich auskannte.

Hamburger Neuste Nachrichten 27.11.1929

In Schloss Wocklum, einem zu einer chemischen Fabrik umgebauten Adelssitz, wollten sie die Portokasse rauben um ihre weitere Flucht zu finanzieren. Als sie ertappt wurden, versuchten sie ihre Verfolger mit Schreckschüssen auf Distanz zu halten, was sich im Prozess später nachweisen ließ. Garde und Wichert wurden von den Kugeln der Landjäger und des Schlossherrn getroffen und Liesegang von den Verfolgern überwältigt. Heinrich Wichert starb am nächsten Tag im Krankenhaus.

Liesgang Urteil Hamburger Abendzeitung 28.01.1930

Die Verhandlung fand Ende Januar 1930 im westfälischen Arnsberg statt. Textquelle: Knut Bergbauer, Sabine Fröhlich, Stefanie Schüler-Springorum: Denkmals-Figur, Biographische Annäherung an Hans Litten 1903-1938, Göttingen: Wallstein-Verlag, 2008, Link: http://bit.ly/1uoFeWM Seite 120

Reutlinger Generalanzeiger vom 28.11.1929

Und die Moral von der Geschichte?

Die vorerst letzte Meldung aus dem Jahre 1948, die ich zu Walter Liesegang (*18.10.1894 in Berlin) finden konnte lautet: „Bürgermeister Liesegang in Lychen (Kreis Templin) war wegen Straßenraubes und Mordversuchs zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Quelle: Fritz Löwenthal: Der neue Geist von Potsdam, Auerdruck 1948, Seite 32 – Diesen Sachverhalt lasse ich mal unkommentiert, oder wie man durch alte Seilschaften zum Bürgermeisteramt kommt.

Einzelheiten dazu im nachfolgenden Artikel aus: „Neue Lycher Zeit, Ausgabe 163, August 2013, Seite 15“ (Kein Wort über seine kriminelle Vergangenheit)

Links:

Heilanstalt Berlin Buch: http://de.wikipedia.org/wiki/Heilanstalten_in_Berlin-Buch

Bildquellen:

Berliner Tageblatt, Ausgabe 24.2.1921
Berliner Tageblatt, Ausgabe 11.5.1921
Berliner Tageblatt, Ausgabe 12.10.1922
Berliner Tageblatt, Ausgabe 21.6.1923
Reutlinger Generalanzeiger, Ausgabe 28.11.1929
Hamburger Neuste Nachrichten 27.11.1929
Hamburger Abendzeitung 28.01.1930

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