Kefersteiner Schneckensaft gegen Keuchhusten hergestellt in Ilfeld

keferstein-schneckensaftBei meinem letzten Besuch in Ilfeld habe ich auch die älteren Grabstätten fotografiert, unter anderem die der Familie Keferstein. Als wie dann so beisammen saßen, erzählte mir meine Tante Edith ein wenig aus dem geschichtlichen Hintergrund dieser Familie.

(Ohne jetzt auf die genealogischen Details einzugehen, die sind beim Familienverband nachzulesen mit Wappen, Bildern und großem Stammbaum)

Die Generationenfolge Keferstein in Ilfeld

Georg Christoph Keferstein aus Kröllwitz (1723-1802) kaufte um 1762 die Ilfelder und Stolberger Papiermühlen. Ihm folgte Sohn Ernst Christian (1757-1812) der ab 1780 Alleininhaber war. Ernst Christian hatte besonders seit 1806 mit der Ungunst der Zeiten zu kämpfen. Er versteckte nach der Schlacht von Jena den braven Fahnen-Junker von Chappuis viele Tage vor den verfolgenden Franzosen und gab ihm Zivilkleidung, so dass der Junker über Magdeburg nach Schlesien zum Grafen von Götzen gelangen und weiter kämpfen konnte. (Nach einem Tagebuch im Besitz seines Enkels, des Wirklichen Geheimen Rates v. Chappuis zu Berlin)

In der nächsten Generation führte Friedrich Wilhelm (1785-1857) ab 1812 das Unternehmen (beschrieben als besonders ehrenwerter und weltgereister Mann) Seit 1853 war sein Sohn August Ernst Ludwig Keferstein (1823-1903 Besitzer der Papiermühle. Seine Ehefrau hieß Antonie Reichenbach (1835-1882) und war die Tochter des Kaufmanns und Besitzer des “Riesenhauses” in Nordhausen.

Die Produktion betrug 1862 ca, 24000 Zentner Pack-Stroh-Papier und 1883 fertigten die Arbeiter 4800 Zentner Papier aus Lumpen und Stroh. Diese Papier-Dynastie endete im Jahr 1935, als Georg Keferstein (*1855) Konkurs anmelden musste und deshalb freiwillig aus dem Leben schied. Er hatte die Leitung 1895 von seinem Vater August Ernst Ludwig (*1823) übernommen, der am 13.7.1903 in Ilfeld starb.

Die Erfinderinnen des Schneckensaftes

keferstein-romanIn der Gartenstraße 23 wohnten seit 1935 die beiden unverheirateten Geschwister Marie (*4.4.1859) und Ceres (*31.7.1874) Töchter von August Ernst Ludwig (s. oben) und sie hatten noch 10 weitere Geschwister, unter anderem obiger Georg und Antonie (*5.11.1864) Meine Tante (damals noch ein kleines Mädchen) und Kefersteins kannten und verstanden sich sehr gut. Die beiden waren sehr kinderlieb und beschenkten sie mit bunten Bildchen. Diese beiden Fräuleins waren nach Auskunft meiner Tante die Erfinder des weltweit bekannten Schneckensaftes.

Zuerst wurde im neuen Wohnhaus produziert in kleinen Mengen für den Ilfelder Gebrauch, später ging der Schneckensaft gegen den berüchtigten Keuchhusten gut verpackt in Holzkästchen mit je 12 Medizinfläschen mit der Bahn auf Reisen. In der Medikamentenliste bekannt unter der Bezeichnung “Klimacol-Hustensaft” (Nr. Dt. Danz 03677-61840) Um 1945 stellten die beiden Schwestern (vermutlich aus Altersgründen) die Herstellung ein.

Dem Schneckensaft wird noch heute eine große Heilwirkung bei hartnäckigen Verschleimungen von Rachen und Bronchien bescheinigt. Schneckensaft sorgt für eine Schleimverflüssigung und erleichtert das Abhusten.

Um diesen Saft herzustellen brachten die Kinder eimerweise die benötigten Nacktschnecken (Roßschnecken) und erhielten dafür als kleinen Lohn 25 Pfg. für je ein Pfund. Die Schnecken kamen dann gewaschen und noch lebend in einen großen Bottich und wurden regelrecht eingezuckert. Dabei setzte sich am Boden des Bottichs ein Sud ab, der mit verschiedenen Zutaten wie Kräutern (Thymian, Eibisch, Spitzwegerich?) gekocht wurde, mit anschließendem Zusatz von etwas Alkohol. Die fertige Mischung hatte dann eine Konsistenz wie Sirup. Über die Zusammensetzung weiß leider niemand mehr Bescheid, denn die Rezeptur haben die beiden Geschwister mit ins Grab genommen.

Marie die ehemalige Erzieherin war auch eine fleißige Schreiberin, eine kleine Kostbarkeit trägt den Titel “Ein Strickabend” aus dem Jahre 1906. Herausgegeben im Selbstverlag durch die Buchdruckerei Carl Schmülling in Berlin-Tempelhof. Die Geschichte spielt in Ilfeld und handelt von der Sage vom Gänseschnabel übertragen auf die Gegenwart. Den Ilfeldern wird die Familie unvergessen bleiben und auch an den Schneckensaft kann sich noch jeder erinnern.

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Literatur:

  • Ilfeld Informationen, herausgegeben von der Gemeinde 10. Jahrgang Nr. 1 April 2009 und Nr. 2 Juli 2009, Manfred Kappler, Museumsleiter
  • Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 5 Seite 145-179, Bd. 6 Seite 69-73, Bd. 85 Seite 231-320 und 615-620
  • Über Keferstein: Die Kröllwitzer Papiermühle – Aufstieg und Niedergang
  • Keferstein, Chr.: Erinnerungen aus dem Leben eines alten Geognostes u. Ethnographen mit Nachrichten über die Familie Keferstein, Halle 1856 (Download)

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