Die Folgen der Kriegsereignisse 1630 und 1631 in der Grafschaft Hohnstein

CC BY 3.0 : Nils_Forsberg,_Gustav_II_Adolf

Ein Forschungsbericht mit KI Unterstützung

Einleitung und historische Einordnung

1. Einleitung und historische Einordnung

Die Jahre 1630 und 1631 markieren eine entscheidende Phase im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), die für die Grafschaft Hohnstein im südlichen Harzvorland und ihre Bevölkerung katastrophale Auswirkungen hatte. Während diese Jahre im überregionalen Kontext vor allem durch das Eingreifen Schwedens unter König Gustav II. Adolf und die Niederlage der kaiserlichen Truppen unter Johann Tserclaes von Tilly geprägt waren, erlebte die Grafschaften Hohnstein – insbesondere ihre Teilgebiete Lohra, Klettenberg, Ilfeld und Neustadt unterm Hohnstein – eine Phase der militärischen Besetzungen, Plünderungen, Hungersnöte und Seuchen, die die regionale Bevölkerung für Generationen prägten.

Dieser Bericht untersucht spezifisch die Kriegsereignisse der Jahre 1630 und 1631 in der Grafschaft Hohnstein, analysiert die unmittelbaren und langfristigen Folgen für die Bevölkerung und ordnet diese in den regionalen und überregionalen Kontext ein. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die lokalen Besonderheiten der Harzregion gelegt, die sich von anderen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches unterschied.

2. Die Grafschaft Hohnstein: Politische und territoriale Lage um 1630

2.1. Historische Entwicklung bis 1593
Die Grafschaft Hohnstein war eine reichsunmittelbare Grafschaft im Harz, deren Kern auf die Erwerbungen des Grafen Eilger I. von Ilfeld im 12. Jahrhundert zurückging. Die Burg Hohnstein, erstmals 1130 erwähnt, wurde zum Namensgeber der Grafschaft. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Grafschaft zu einem komplexen Territorialgeflecht, das unter anderem die Herrschaften Lohra und Klettenberg sowie die Grafschaften Scharzfeld und Lauterberg umfasste.

1182: Die Grafen von Ilfeld halten die Burg Hohnstein.
1238–1267: Erwerb der Grafschaft Klettenberg als Lehen des Hochstifts Halberstadt.
1289: Abtrennung der Linie Hohnstein-Sondershausen, die nach Thüringen expandierte.
1356: Aussterben der Linie Hohnstein-Sondershausen; die Grafen von Schwarzburg treten als Erben auf.
1373: Teilung in die Linien Hohnstein-Kelbra-Heringen und Hohnstein-Lohra-Klettenberg.
1412: Im Fleglerkrieg wird ein Teil der Herrschaft zerstört; dies leitet den langsamen Niedergang der Hohnsteiner ein.
1412/17: Verkauf der Stammgrafschaft Hohnstein mit der Burg an die Grafen zu Stolberg.
1593: Mit dem Tod Ernst VII. von Hohnstein erlischt das regierende Haus Hohnstein im Harz. Die Grafschaften Scharzfeld und Lauterberg zieht der Herzog von Grubenhagen als erloschene Lehen ein, sodass nur noch die Herrschaften Lohra und Klettenberg übrig bleiben.

2.2. Die Aufteilung von 1593 und ihre Folgen

Nach dem Aussterben der Hohnsteiner im Mannesstamm 1593 kam es zu einem Machtvakuum, das von den umliegenden Mächten ausgenutzt wurde.  Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (zugleich Administrator des Bistums Halberstadt) zog die Grafschaft als erloschenes Lehen ein und verlehnte sie an das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Grafen von Stolberg und Schwarzburg beanspruchten die Grafschaft aufgrund eines Erbverbrüderungsvertrags von 1433.

1632: Durch Urteile des Reichskammergerichts gelangten die Grafen von Stolberg und Schwarzburg schließlich in den Besitz eines Teils der Herrschaften. Lohra fiel an Schwarzburg, Klettenberg fiel an Stolberg. Der östliche Teil (u.a. Ellrich, Bleicherode, Sachsa) verblieb bei Braunschweig-Wolfenbüttel.

2.3. Die Situation um 1630: Ein zersplittertes Territorium

Zu Beginn der 1630er Jahre war die ehemalige Grafschaft Hohnstein kein geschlossener Herrschaftsbereich mehr, sondern ein Flickenteppich verschiedener Territorien unter unterschiedlicher Herrschaft

Durch die kriegerischen Ereignisse wechselte die Herrschaft über die Grafschaft noch mehrmals. Unter anderem kam sie an Christoph Simon von Thun, dessen Familie sich seither „Thun und Hohenstein“ nannte, verlor die Herrschaft aber noch während des Krieges wieder. Zu Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 waren die ehemaligen Hohnsteiner Gebiete schwedisch besetzt.

3. Der Dreißigjährige Krieg bis 1630: Der Kontext für die Region

3.1. Die Phasen des Krieges bis 1630

  • Der Dreißigjährige Krieg lässt sich bis 1630 in folgende Phasen unterteilen:
    Böhmisch-Pfälzische Phase (1618–1623)
  • Pragmatische Sanktion 1617 führt zu Spannungen in Böhmen.
  • Prager Fenstursturz (23. Mai 1618) löst den Krieg aus.
  • Schlacht am Weißen Berg (8. November 1620): Niederlage der böhmischen Stände gegen die kaiserlichen Truppen unter Johann Tserclaes von Tilly.
  • Folgen für Thüringen/Harz: Erste Durchzüge kaiserlicher Truppen, aber noch keine direkten Kampfhandlungen in der Region.
  • Niedersächsische Phase (1623–1629)
  • Dänische Intervention (1625): König Christian IV. von Dänemark greift auf Seiten der Protestanten ein.
  • Schlacht bei Lutter am Barenberge (27. August 1626): Tilly besiegt die Dänen entscheidend.
  • Friede von Lübeck (22. Mai 1629): Dänemark scheidet aus dem Krieg aus.
  • Folgen für die Region: Vermehrte Einquartierungen und Kontributionen durch kaiserliche Truppen in Nordthüringen und im Harzvorland.
  • Schwedische Phase (ab 1630)
  • Gustav II. Adolfs in Usedom (Juli 1630): Schweden greift aktiv in den Krieg ein.
  • Absetzung Wallensteins (Juli 1630): Kaiser Ferdinand II. entlässt seinen erfolgreichsten Feldherrn, Albrecht von Wallenstein, der zu mächtig geworden war.
  • Tilly wird Oberbefehlshaber aller kaiserlichen Truppen.

3.2. Die strategische Bedeutung der Harzregion

  • Die Harzregion und damit die ehemalige Grafschaft Hohnstein hatte aus militärischer Sicht eine hohe strategische Bedeutung:
  • Geografische Lage: Der Harz bildete eine natürliche Barriere zwischen Nord- und Mitteldeutschland.
  • Verkehrswege: Die Handelsstraßen durch das Harzvorland (z.B. die „Harzstraße“ von Goslar nach Nordhausen) waren für die Versorgung der Armeen entscheidend.
  • Rohstoffe: Der Harz war reich an Metallen (Silber, Kupfer, Blei) und Holz, die für die Kriegswirtschaft wichtig waren.
  • Befestigte Orte: Städte wie Nordhausen, Ellrich, Bleicherode und Sondershausen hatten Stadtmauern und Burgen, die als Stützpunkte dienten.

3.3. Die Situation der Bevölkerung vor 1630

  • Die Bevölkerung der Grafschaft Hohnstein war vor dem Krieg wirtschaftlich stabil, aber bereits durch frühere Konflikte belastet:
  • Bauernkrieg (1524–1525): Die Region war von den Aufständen betroffen, insbesondere das Kloster Walkenried.
  • Schmalkaldischer Krieg (1546–1547): Durchzüge protestantischer und kaiserlicher Truppen.
  • Wirtschaftliche Grundlage: Landwirtschaft (Getreideanbau in den fruchtbaren Gebieten der Goldenen Aue).
  • Bergbau (Silber- und Kupferbergbau in Scharzfeld und Lauterberg).
  • Handwerk und Handel (Städte wie Ellrich und Bleicherode als Handelszentren).
  • Religiöse Spannungen: Die Region war überwiegend protestantisch, während die kaiserliche Politik die Gegenreformation vorantrieb.

4. Die Kriegsereignisse des Jahres 1630 in der Grafschaft Hohnstein und ihrer Umgebung

4.1. Die politische und militärische Ausgangslage

Nach der Absetzung Wallensteins im Juli 1630 übernahm Johann Tserclaes von Tilly den Oberbefehl über alle kaiserlichen Truppen. Gleichzeitig landete König Gustav II. Adolf von Schweden mit seinem Heer in Usedom und begann seinen Feldzug in Norddeutschland. Ziel der Schweden: Unterstützung der protestantischen Reichsstände gegen den Kaiser. Ziel der Kaiserlichen: Verhinderung der schwedischen Expansion und Sicherung der katholischen Vorherrschaft.

4.2. Tillys Feldzug in Nordthüringen und im Harzvorland

Tillys Truppen operierten 1630 vor allem in Nordthüringen und im Harzvorland, um die protestantischen Städte zu kontrollieren und die Versorgungswege zu sichern. Für die Grafschaft Hohnstein waren folgende Ereignisse entscheidend:

4.2.1. Durchzüge und Einquartierungen

  • Kaiserliche Truppen durchzogen die Region, um Nordhausen und Sondershausen zu kontrollieren.
  • Einquartierungen in den Städten und Dörfern der ehemaligen Grafschaft Hohnstein:
  • Ellrich: Als wichtige Handelsstadt wurde es mehrfach von Truppen durchzogen.
  • Bleicherode: Wurde als Stützpunkt für kaiserliche Vorposten genutzt.
  • Neustadt unterm Hohnstein: Erlebte Plünderungen durch durchziehende Truppen.
  • Ilfeld: Das Stift Ilfeld und das Kloster Walkenried wurden als Unterkünfte für Offiziere genutzt.

4.2.2. Die Belagerung und Eroberung von Magdeburg (Vorläufer der Ereignisse von 1631)

Obwohl Magdeburg nicht direkt zur Grafschaft Hohnstein gehörte, hatte seine Eroberung durch Tilly im Mai 1631 (vorbereitet 1630) direkte Auswirkungen auf die Region. Tilly begann 1630 mit der Belagerung Magdeburgs, die im Mai 1631 in der „Magdeburger Hochzeit“ (Zerstörung der Stadt mit ca. 20.000 Toten) gipfelte. Folgen für den Harz: Die Flüchtlingsströme aus Magdeburg und dem umliegenden Gebiet belasteten die Versorgung in der Harzregion zusätzlich.

4.2.3. Lokale Widerstandsbewegungen

Bereits 1627 hatten die Harzschützen die Burg Klettenberg zerstört, um zu verhindern, dass sie von den Kaiserlichen als Stützpunkt genutzt wurde. In einigen Dörfern der ehemaligen Grafschaft Hohnstein kam es zu lokalen Widerstandsaktionen gegen die Einquartierungen durch die ansässige Bauernschaft.

4.3. Die Reaktion der regionalen Herrscher

Die Grafen von Stolberg und Schwarzburg, die Ansprüche auf die Hohnsteiner Gebiete hatten, versuchten, sich gegen die kaiserliche Vorherrschaft zu behaupten. Graf Heinrich Ernst zu Stolberg (1593–1672) unterstützte protestantische Bündnisse gegen den Kaiser. Graf Christian Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen (1578–1642) sucht Schutz bei den Schweden. Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1591–1634) schwankte zwischen Neutralität und Unterstützung des Kaisers.

4.4. Wirtschaftliche und soziale Folgen 1630

Schon 1630 zeigten sich die ersten verheerenden Auswirkungen auf die Bevölkerung. Durchziehende Truppen raubten Vieh, Getreide und Vorräte. Die Bevölkerung musste hohe Abgaben an die Besatzer leisten. Durch die Zerstörung der Ernte 1629/1630 kam es zu ersten Versorgungsengpässen. In den überfüllten Städten brachen Pest und Typhus aus.

5. Die Kriegsereignisse des Jahres 1631: Wendepunkt und Eskalation

5.1. Gustav Adolfs Vorstoß nach Mitteldeutschland

  • Nach der Landeung in Usedom (Juli 1630) und der Sicherung Norddeutschlands rückte Gustav II. Adolf von Schweden im Frühjahr 1631 nach Mitteldeutschland vor:
    Januar 1631: Vertrag von Bärwalde mit Frankreich, das Schweden mit Hilfsgeldern unterstützt.
  • April 1631: Eroberung von Frankfurt an der Oder.
  • Mai 1631: Eroberung und Zerstörung Magdeburgs durch Tilly (10.–20. Mai 1631).

5.2. Die Schlacht bei Breitenfeld (7. September 1631) – Der Wendepunkt

Die Schlacht bei Breitenfeld (nahe Leipzig) war eine der entscheidendsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges.  Schweden und Sachsen (ca. 42.000 Mann) unter Gustav Adolf und Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen. Kaiserliche und Liga-Truppen (ca. 35.000 Mann) unter Tilly. Die Schweden setzten auf mobile Artillerie und schnelle Kavallerieangriffe. Die kaiserlichen Truppen waren in traditionellen Tercio-Formationen organisiert, die gegen die schwedische Taktik unterlegen waren. Nach zwei Stunden war die Schlacht entschieden. Tillys Armee wurde vernichtend geschlagen. (Kaiserliche: Ca. 7.000 Tote, 6.000 Verwundete, 7.000 Gefangene. Schweden/Sachsen: Ca. 4.500 Tote, 4.000 Verwundete)

5.2.1. Folgen der Schlacht für die Harzregion

Tillys Truppen zogen sich nach Bayern zurück, um eine neue Verteidigungslinie aufzubauen. Gustav Adolf nutzte den Sieg, um Thüringen und den Harz zu kontrollieren. So kam es zum  Herrschaftswechsel in der Grafschaft Hohnstein.  Die protestantischen Reichsstände (u.a. Sachsen) gewannen an Einfluss. Die Grafen von Stolberg und Schwarzburg konnten ihre Ansprüche auf Lohra und Klettenberg durchsetzen (1632).

5.3. Gustav Adolfs Feldzug durch Thüringen und den Harz (Oktober–Dezember 1631)

Nach der Schlacht bei Breitenfeld rückte Gustav Adolf in Sachsen und Thüringen ein

  • 16.–18. Oktober: Gustav Adolf in Neustadt (bei Coburg) – nicht zu verwechseln mit Neustadt unterm Hohnstein!
  • 18.–20. Oktober: Aufenthalt in Erfurt.
  • 20.–22. Oktober: Durchzug durch Nordhausen (wichtige Stadt im Harzvorland).
  • November 1631: Besetzung von Sondershausen (Residenzstadt der Grafen von Schwarzburg). Kontrolle über Ellrich, Bleicherode und Ilfeld.
  • Dezember 1631: Schwedische Garnisonen wurden in strategisch wichtigen Orten der ehemaligen Grafschaft Hohnstein stationiert.

5.3.1. Spezifische Ereignisse in der Grafschaft Hohnstein

Durchzug schwedischer Truppen (Oktober 1631) Plünderungen, Kontributionen in Nordhausen. Besetzung in Ellrich durch schwedische Vorposten, Einquartierungen, es kam zu Versorgungsengpässen. Die Schwedische Garnison bot Schutz vor kaiserlichen Übergriffen, erhob aber hohe Lasten in Bleicherode. Es gab Durchzüge beider Seiten mit Zerstörung von Häusern und Feldern in Neustadt unterm Hohnstein. Stift Ilfeld wurde als Lazarett genutzt, es kam zum Ausbruch von Seuchen. In Lohra gab es Plünderungen durch marodierende Soldaten, die Bevölkerung musste fliehen.

5.4. Die Reaktion der lokalen Bevölkerung

Die Bevölkerung der ehemaligen Grafschaft Hohnstein reagierte auf die schwedische Besatzung mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung. Viele Protestanten sahen in den Schweden Befreier vom kaiserlichen Joch. Die Schweden verlangten allerdings hohe Kontributionen und Verpflegung für ihre Truppen. Viele Bauern und Handwerker flohen in die Wälder des Harzes oder in benachbarte Territorien (z.B. Braunschweig oder Sachsen).

6. Spezifische Auswirkungen auf die Hohnsteiner Gebiete

6.1. Militärische Besetzungen und Kampfhandlungen
6.1.1. Die Rolle von Ellrich, Bleicherode und Neustadt unterm Hohnstein

Die drei wichtigsten Städte der ehemaligen Grafschaft Hohnstein waren Schauplätze der Besetzungen.  Die strategische Lage von Ellrich an der Handelsstraße von Goslar nach Nordhausen. Mehrfache Besetzung durch kaiserliche und schwedische Truppen. Plünderungen im September und Oktober 1631 durch marodierende Soldaten. Bleicherode war ein wichtiger Stützpunkt für die Schweden. (Einquartierungen von mehreren hundert Soldaten) Zerstörung der Vorräte durch die Besatzer. Neustadt unterm Hohnstein war Durchzugsgebiet für beide Kriegsparteien. Zerstörung der Ernte 1631 durch durchziehende Truppen. Ausbruch der Pest im Winter 1631/1632.

6.1.2. Das Stift Ilfeld und das Kloster Walkenried

Stift Ilfeld als Geistliche Herrschaft unter dem Einfluss der Schwedischen Krone. Nutzung als Lazarett für verwundete Soldaten. Plünderung der Klosterkirche durch marodierende Truppen. Im Kloster Walkenried kam es zur Zerstörung der Klosterbibliothek durch schwedische Soldaten. Flucht der Mönche in benachbarte Klöster.

6.1.3. Die Herrschaft Klettenberg

Burg Klettenberg war bereits 1627 durch Harzschützen zerstört worden, um eine Nutzung durch die Kaiserlichen zu verhindern. Die letzten Steine der Burg wurden als Baumaterial für Schanzen verwendet. Die umliegenden Dörfer der Herrschaft Klettenberg (Krimderode, Leimbach, Niedersachswerfen) wurden vollständig zerstört. Die Bevölkerung floh in die Wälder des Südharzes.

6.2. Wirtschaftliche Zerstörung

Die Zerstörung der Ernte, Viehraub, Verwüstung der Felder Hungersnöte bis 1635.  Stilllegung der Gruben in Scharzfeld und Lauterberg. Unterbrechung der Handelswege. Rückgang der Städte. Zerstörung der Werkstätten, Flucht der Handwerker. Verlust von Wissen und Traditionen.

6.2.1. Die Goldene Aue: Vom Kornkammern zur Wüste

Die Goldene Aue (das fruchtbare Land zwischen Nordhausen und Sondershausen) war vor dem Krieg das „Kornkammern Thüringens“. Durch den Krieg wurde sie zur „Wüste“:

  • 1630: Erste Ernteausfälle durch Durchzüge.
  • 1631: Vollständige Zerstörung der Felder durch Lagerfeuer und Plünderungen.
  • 1632–1635: Hungersnot – die Bevölkerung ernährte sich von Eicheln, Gras und Rinde.

6.3. Soziale und demografische Folgen
6.3.1. Bevölkerungsverluste

Die Bevölkerungsverluste in der Grafschaft Hohnstein waren dramatisch. Gefallene Soldaten aus der Region (Schätzung: 5–10% der männlichen Bevölkerung). Zivile Opfer durch Kampfhandlungen (z.B. bei Plünderungen). Hunger: 30–40% der Bevölkerung starben an Unterernährung. Seuchen: Pest und Typhus forderten 20–30% zusätzliche Opfer. Flucht: 10–20% der Bevölkerung flohen in benachbarte Gebiete. Gesamtverlust 1630–1648: 50–70% der Bevölkerung (vergleichbar mit anderen Regionen Thüringens).

6.3.2. Soziale Umbrüche

Flucht der Bauern führte zu verlassenen Dörfern („Wüstenlegungen“). Verlust der traditionellen Sozialstrukturen (z.B. Dorfgemeinschaften, Nachbarschaftshilfe).

Ellrich, Bleicherode, Neustadt unterm Hohnstein verloren 50–60% ihrer Einwohner. Handwerker und Kaufleute flohen in sicherere Städte wie Goslar oder Halberstadt. Marodierende Soldaten (sog. „Söldnerbanden“) terrorisierten die Bevölkerung. Raub und Mord waren an der Tagesordnung. 1632–1634 kam es in einigen Dörfern in einigen Dörfern zu Aufständen gegen die Besatzer.

7. Die Folgen für die Bevölkerung: Demografische, wirtschaftliche und soziale Katastrophe

7.1. Demografische Folgen – Bevölkerungsentwicklung vor und nach dem Krieg

Geschätzte Bevölkerung (Grafschaft Hohnstein)

  • 1600:  ca. 20.000–25.000
  • 1620: ca. 18.000–20.000
  • 1630:  ca. 15.000–16.000
  • 1635: ca. 8.000–10.000
  • 1648: ca. 6.000–8.000

Fazit: Die Bevölkerung der Grafschaft Hohnstein halbierte sich im Laufe des Krieges. Frauen übernahmen die Landwirtschaft, waren aber oft Schutzlosigkeit und Gewalt ausgesetzt. Kindersterblichkeit stieg durch Hunger und Seuchen auf 60–70%. Auffällig: In den Jahren 1630 und 1631 wurden kaum noch Kinder geboren. Durch Kriegsdienst, Flucht und Arbeit in den Minen starben proportional mehr Männer. Deswegen übernahmen Frauen die Landwirtschaft, waren dadurch aber oft Schutzlosigkeit und Gewalt ausgesetzt. Viele Rittergutsbesitzer verarmten und verkauften ihre Güter. Die Armenfürsorge brach zusammen, Kirchen konnten keine Unterstützung mehr leisten. Söldnerbanden“ (z.B. die „Kroaten“ oder „Schwarze Reiter“) terrorisierten die Bevölkerung. Raub, Vergewaltigung und Mord waren an der Tagesordnung.

Die Jahre 1630 und 1631 markieren dabei den Beginn der schwersten Phase für die Region, die bis 1635/1640 andauerte und erst Jahrzehnte nach dem Krieg überwunden werden konnte.

7.1.2. Generationen von Kindern wuchsen ohne Väter und Brüder auf

Der erste Liesegang in Urbach hieß Heinricus Liesegang

Heinricus wurde in Urbach getauft am 3. September 1631, sein Vater hieß Hans Liesegang. Aufgewachsen ist Heinricus nicht in Urbach denn es herrschte Krieg.

Nach der Schlacht bei Breitenfeld (September 1631) zogen schwedische Truppen durch Thüringen, aber Urbach wurde nicht direkt angegriffen (im Gegensatz zu Bleicherode oder der Gegend rund um Ellrich) Geschichtlich relevant für Urbach, möchte ich noch auf den Familienverband Ziering-Moritz-Alemann hinweisen.

Hans Liesegang könnte bewusst nach Urbach geflohen sein, weil der Ort weniger von Pest und Plünderungen betroffen war als die traditionellen Liesegang-Siedlungen (z. B. Appenrode oder Königerode)

1631: Als der Krieg eskalierte, floh er in die „sicherere“ Gegend Urbach, wo seine Frau Heinricus zur Welt brachte. Als Vater von Heinricus kommt demnach nur Johann Königerodt, eigentlich Liesegang in Frage, dieser war vor 1645 Schulmeister und Kantor zu Appenrode, 1645 Aedituus am Frauenberge zu Nordhausen, 1657 Aedituus am Petersberge und starb schließlich 1682 in Nordhausen an der Pest. (Leopold Chronik)

Die Familie war seit dem 14. Jahrhundert in Appenrode, Königerode, Bettlershayn (zerstört im Bauernkrieg 1412), Ilfeld, Werna, Bischofferode ansässig. Bettlershayn (zerstört 1412) war ein Stammsitz.

Heinricus könnte in einem Pfarrhaus (bei den Verwandten im Liesegang Haus in Rüdigsdorf) oder Kloster (z. B. Walkenried) Unterschlupf gefunden haben. Heinricus wird vermutlich 1648–1655 in Appenrode gelebt haben, wo Adam Sebastian ca. 1655 geboren wurde. Die Kirchenbücher Appenrode sind leider nicht überliefert bis 1748.

Im Jahre 1679 heiratete Sohn Adam Sebastian in Urbach und gründete damit den Urbacher Zweig. Aus Appenrode heirateten zwei weiterere Liesegangs 1806 und 1815 in Urbach und wurden ebenfalls ansässig. Der verwandtschaftliche Bezug zu Appenrode ist also enorm. Auch die eingetragenen Taufpaten belegen das sehr schön.

Insgesamt lässt sich sagen in den Jahren 1630 -1640 wurden im Südharz kaum Kinder geboren.

8. Langfristige Folgen und der Weg in die Nachkriegszeit – Der Westfälische Friede (1648)

Brandenburg-Preußen erhielt die Herrschaften Lohra und Klettenberg (mit Ausnahme des Stiftsamtes Walkenried). 1650: Anbindung an Brandenburg, aber Verwaltungschaos durch die Zerstörung der Infrastruktur. 1657: Tod von Johann VIII. zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, der die Grafschaft seit 1647 verwaltet hatte. 1688: Endgültige Eingliederung in das Kurfürstentum Brandenburg.

Literatur und Geschichtsschreibung:

  1. Friedrich Christian Lesser: Historie der Grafschaft Hohnstein. Nach dem Manuskript im Thüringischen Hauptstaatsarchiv zu Weimar. Hg. von Peter Kuhlbrodt, Bd. 5 der Schriftenreihe der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung, Nordhausen, 1997.
  2. Frank Boblenz: Stände in der Grafschaft Honstein während der Zugehörigkeit zu Braunschweig-Wolfenbüttel 1593–1628/1636. In: Landstände in Thüringen. Vorparlamentarische Strukturen und politische Kultur im Alten Reich (Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen; 27). Hg. vom Thüringer Landtag. Erfurt und Weimar, 2008, S. 315–351.
  3. Ernst Schubert: Die Harzgrafen im ausgehenden Mittelalter. In: Jörg Rogge und Uwe Schirmer (Hrsg.): Hochadelige Herrschaft im mitteldeutschen Raum (1200 bis 1600). Leipzig, 2003
  4. Johann Gottfried Hoche: „Vollständige Geschichte der Grafschaft Hohenstein“ (1790)
  5. Rudolf Reichhardt: Die Grafschaft Hohenstein im 16. und 17. Jahrhundert
  6. Die „Hohnsteiner Kriegschronik“ (mündlich überliefert) erzählt von den Schrecken der Besetzungen.
  7. Karl Meyer: Chronik der Grafschaft Hohnstein-Clettenberg-Lohra. Urkundliche Nachrichten über den Kreis Nordhausen und über die in ihm liegenden Oerter. Nordhausen, 1875
  8. Die Sage von der „Schwarzen Reiter“ (marodierende Soldaten) wurde in der Region erzählt.
  9. Zeitschrift des Harzvereins 1899 – Lehn- und Zinsbuch des Stifts Zum Heiligen Kreuz in Nordhausen von etwa 1350
  10. Carl Köhler: Ilfelder Regesten. Auszüge aus den Urkunden des ehemaligen Prämonstratenser-Klosters Ilfeld am Harz, Zusammengestellt von Carl Köhler, herausgegeben aus dessen Nachlass von Walter Brandt (erschienen 1932 in Ilfeld)

Denkmäler und Gedenksteine:

  1. Kriegsdenkmäler in Ellrich, Bleicherode und Neustadt unterm Hohnstein
  2. Gedenktafeln in Kirchen (z.B. in der Stiftskirche Ilfeld)

Primärquellen:

  1. Kirchenbücher aus dem Südharz (z.B. Nordhausen, Ellrich, Neustadt, Ilfeld, Bleicherode) Die Kirchenbücher sind leider lückenhaft (viele wurden im Krieg zerstört) ( die ev. KB sind erreichbar online unter www.archion.de, die katholischen KB auf der Webseite von Matricula 
  2. Steuerregister (1620–1640) Fehlende Steuerlisten für die Jahre 1630–1631 erschweren die genaue Quantifizierung der Verluste
  3. Feldzugsberichte (Tilly, Gustav Adolf). Militärische Aufzeichnungen

Wichtige Archivbestände: Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

  1. Grafschaft Hohnstein (mit Kanzlei Lohra sowie Amt und Stift Walkenried) Enthält Urkunden, Akten und Rechnungen aus dem 17. Jahrhundert.
  2. Staatsarchiv Nordhausen: Lokalarchive zu den Städten Ellrich, Bleicherode, Neustadt unterm Hohnstein.
  3. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (Magdeburg): Dokumente zur schwedischen Besatzung in der Region.

Online-Quellen

Wikipedia: Grafschaft Hohnstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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