Viktor Emil von Gebsattel (1883-1976) – Leben und Werk

Viktor Emil Freiherr von Gebsattel wurde 1883 in München als erster Sohn des Generals der bayerischen Kavallerie Konstantin von Gebsattel (1854-1932) und dessen Frau Marie, geb. Freiin Karg von Bebenburg (1860–1927) geboren. Er erhielt im katholisch-konservativ geprägten Elternhaus eine strenge Erziehung, die auf eine militärische Karriere hin ausgerichtet war.

Eine dauerhafte Versteifung des Kniegelenks, die aus einem Jagdunfall resultierte, machte eine militärische Verwendung unmöglich, so dass Gebsattel zunächst die Diplomatenlaufbahn anstrebte. Nach dem Abitur studierte er deshalb in Berlin Jura, wandte sich aber rasch der Philosophie zu, da er von Wilhelm Dilthey, einem Hauptvertreter der damals sich entwickelnden und geradezu populär werdenden Lebensphilosophie, stark beeindruckt war.

Studienreisen führten Gebsattel früh nach Paris, wo er von Henri Bergson, dem wichtigsten französischen Lebensphilosophen, beeinflusst wurde. Gebsattel wechselte nach München und promovierte bei Theodor Lipps, wo er die phänomenologische Methode kennenlernte, die für ihn und seine Auffassung von Psychotherapie lebenslang bestimmend sein würde. In München war Gebsattel mit dem Philosophen Max Scheler, der in seinem Denken Phänomenologie und den für Gebsattel stets leitenden Katholizismus vereinigte, eng befreundet.

Während mehrerer Jahre als Privatgelehrter lernte Gebsattel zahlreiche Angehörige der geistigen und künstlerischen Elite Europas kennen, so die Dichter Hofmannsthal und Rilke und die bildenden Künstler Rodin und Slevogt; in München verkehrte er im Kreis um Stefan George, wo er unter anderen Ricarda Huch traf, mit der er lange korrespondierte. Sich seiner Eignung zum Schriftsteller nicht sicher, suchte Gebsattel neue Interessensfelder und kam über Lou Andreas-Salomé, mit der ihn Rilke bekannt gemacht hatte, in Kontakt mit der Psychoanalyse. Er gehörte zunächst zum engeren Kreis um Freud, hielt aber stets eine gewisse Distanz zu den sich bald bildenden Strömungen innerhalb des Verfahrens; eine eigene Schule gründete Gebsattel auch später nicht. Von 1913-1920 absolvierte er zusätzlich ein Medizinstudium und wurde unter Kraepelin in München zum Psychiater ausgebildet, während er in privater Praxis schon früh psychoanalytische Behandlungen selbständig durchführte. Nach einer persönlichen Krise, die Gebsattel kurzzeitig zum Jünger des Wanderpredigers Leonhard Stark machte, übernahm er in Berlin für einige Jahre eine Position in der psychiatrischen Klinik Westend, bevor er 1925 sein eigenes Sanatorium in Fürstenberg an der Havel eröffnete. In den während dieser Zeit entstandenen Aufsätzen entwickelte Gebsattel sein vorwiegend anthropologisches Interesse: der Mensch erscheint darin als ein stets im Werden Begriffener, und Hemmungen dieses Werdens verursachen psychiatrische Störungen wie Depression oder Zwang. Eng verwandt in seinem Denken ist Gebsattel Ludwig Binswanger und Erwin Straus.

Nachdem 1939 Gebsattels Klinik als Lazarett beschlagnahmt worden war, wechselte er nach Berlin, wo er in eigener Praxis sowie als Lehranalytiker am sogenannten Göring-Institut tätig war. Zum NS-Regime verhielt er sich ablehnend, trat aber nicht in offene Konfrontation. Die Anstellung im staatlichen Institut verschaffte ihm, der mit zahlreichen Gegnern des Regimes eng befreundet war, einen gewissen Schutz. Nachdem sein gesamter Besitz von einem Bombentreffer zerstört worden war, ging Gebsattel kurzzeitig an die Wiener Zweigstelle des Instituts, nach Kriegsende dann nach Überlingen, wo seine Töchter ein Haus besaßen. Mehrere Jahre leitete er ein Sanatorium in Badenweiler und war Dozent an der Universität Freiburg, bevor er 1950 als Professor an die Universität Würzburg wechselte und dort das erste universitär angesiedelte Institut für Psychotherapie begründete. Als Mitherausgeber mehrerer Zeitschriften und Bücher gehörte Gebsattel zu den wichtigsten Vertretern einer anthropologisch-phänomenologisch orientierten Psychotherapie, die die Werkzeuge der Psychoanalyse zwar nutzte und schätzte, deren System allein aber für zu mechanistisch hielt. Gebsattel leitete noch als über 80-jähriger sein Institut; 1976 starb er in Bamberg… Download


Quelle:

Aus dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen
Direktor: Professor Dr. Dr. U. Wiesing
Burkhard Scheible:
Viktor Emil von Gebsattel (1883-1976) – Leben und Werk
Med. Diss. Tübingen 2008
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