Margarethe von Parma Statthalterin der Niederlande

Etwas südlich von Gent liegt der Ort Oudenaarde, bekannt durch den Sieg, den hier 1708 Marlborough und Prinz Eugen über die Franzosen errangen. Wahrzeichen ein mächtiges Schloss, das 1385 von Philipp dem Kühnen erbaut wurde. Kaiser Karl V. hatte hier begleitet von seinem Hofe und seinen Ministern im Krieg gegen die Franzosen sein Hauptquartier aufgeschlagen. So bedeutungsvoll sein Aufenthalt auch in politischer Hinsicht war, so fand er doch Muße eine Liebelei zu beginnen. Es heißt, hier erfasste ihn zum erstenmal die Leidenschaft für ein Weib.

Im Schloss begegnete ihm ein junges Mädchen, eine Magd des damaligen Gouverneurs. Sie hieß Johanna van der Gheynst und war das älteste Kind des Teppichwirkers Gilles van der Gheynst und seiner Gattin Johanna. Das hübsche Kind gefiel dem mächtigen Kaiser und als Frucht dieser flüchtigen Verbindung gebar Johanna im Sommer des folgenden Jahres (27. Juli 1522) ein Mädchen, das in der Taufe den Namen Margarethe erhielt.

Ein Bastardkind des Kaisers mit einer niedrigen Dienstmagd war also ihrer Herkunft nach die Frau die später dazu berufen war, die Geschicke ihres Heimatlandes zu lenken unter deren Regentschaft sich die Loslösung der nördlichen Niederlande von den Habsburgern begann. Weibliche Feinheit und echte Vornehmheit waren ihr nicht zu eigen und ihre Nachkommen erinnerten sich ungerne an diese dunkle Herkunft. Um diese Wahrheit zu verschleiern erfanden Biographen und Lobredner ein romantisches Märchen, das sich zwei Jahrhunderte hindurch hielt. Durch die Geschwätzigkeit einer Magd kam alles heraus und Karl ließ seiner Tochter eine fürstliche Erziehung angedeihen.

Von Anfang an erkannte Kaiser Karl Margaretha als seine Tochter an. Aber nicht seine väterliche Liebe war dafür entscheidend, sondern Erwägungen politischer Art. In jenem Zeitalter dynastischer Interessenpolitik waren Familienverbindungen eines der sichersten Mittel, zwischen zwei Herrscherhäusern eine Gemeinschaft herzustellen. Die Mutter wurde durch eine kleine Jahresrente von 80 Gulden abgefunden, die später auf 300 Gulden erhöht wurde.

Sie heiratete später einen Brabanter von sehr altem Adel, der im Jahre 1539 außerordentlicher und 1549 ordentlicher Rat bei der brabantischen Rechenkammer wurde und erst 1572 verstarb, nachdem ihm seine Gattin bereits mehr als 30 Jahre zuvor (15.Dezember 1541) in den Tod vorausgegangen war. Aus dieser Ehe stammten zwei Söhne und zwei Töchter (die den Schleier nahmen) Der eine Bruder wurde wegen seines schlechten Lebenswandels und mehrerer Verbrechen gefangen genommen. Margarethe wurde ab 1531 am Hof ihrer Tante der ungarischen Königinwitwe und Statthalterin der Niederlande in Brüssel erzogen und in erster Ehe 1536 mit Alessando de Medici und in zweiter Ehe mit Ottavio Farnese verheiratet. Als ihr Halbbruder Philipp II. 1559 die Statthalterschaft über die Niederlande abgab, ernannte er Margarethe zu seiner Nachfolgerin…

Quelle:

Rachfahl Felix: herausgegeben von der Redaktion der historischen Zeitschrift, Druck und Verlag von R. Oldenbourg: München und Leipzig 1898 (Download in der Russischen Nationalbibliothek)

Keine Kommentare möglich.